Olis Interview im Zürcher Unterländer. (Quelle: http://www.zuonline.ch/storys/storys.cfm?vID=18279)

«Ich lebe meinen Traum»

Der 29-jährige Freestyle-Windsurfer Oliver Stauffacher aus Oberhasli über seinen langen Weg zum Profi, das alltägliche Training, fehlende Beziehungen, chinesische Sofas – sowie den grossen Wert eines Schweizer Morgenessens.
Interview: Renato Cecchet

Oliver Stauffacher, wie gut wäre heute der Wind in Oberhasli?
Um diese Frage genau zu beantworten, müsste ich die Werte im Internet nachschauen. Das tue ich sowieso jeden Tag. Irgendwo in der Schweiz kann fast immer gesurft werden. Vom Zürcher Unterland aus sind Boden- oder Urnersee am schnellsten zu erreichen, dort herrschen vielfach gute Voraussetzungen. Auf dem Zürichsee gibts für Freestyle-Windsurfer meist schlechte Bedingungen.
Also haben Sie heute noch keine Runde auf dem Mettmenhaslisee direkt vor Ihrer Haustür gedreht?
Nein, obwohl dies durchaus möglich wäre. Er ist gross genug. Aber der Baumbestand rund um den See lässt kaum Wind zu. Ab 4 bis 5 Beaufort lohnt es sich, aufs Brett zu steigen, darunter macht es kaum einen Sinn.
Für viele Buben ist Lokomotivführer der Traumberuf. Sie wollten wohl eher Hochseefischer oder Kapitän werden …
In der Schule musste ich in einem Aufsatz schreiben, wo ich mich 2020 in welchem Beruf sehe. Meine Vorstellung damals: Zahntechniker – auf Hawaii. Nun, den Beruf habe ich tatsächlich erlernt, in der Schweiz. Mein Sport hat mich dann geografisch auch an meine Traumziele gebracht.
Aber wie kommt ein Zürcher Unterländer aufs Windsurfbrett?
Mein Onkel war ein Windsurfer der ersten Stunde. Er schwärmte immer von den Herbstferien in Süditalien. Mein Vater besorgte mir dann eine Windsurfausrüstung und somit war der Start getan. Damals mit neun Jahren war ich ein Träumer, zu verspielt – und mich interessierten viele andere Dinge.
Wie wurde aus Ihnen dann trotzdem ein Profi-Windsurfer? Wann entdeckten Sie Ihre Leidenschaft?
Als Jugendlicher fand ich Windsurfen cool. Ich hätte auch gerne mehr trainiert, aber mehr als drei Wochen im Jahr ging nie. Mit 17 entwickelte ich einen unglaublichen Ehrgeiz im Sport. Weil ich Windsurfen nicht so betreiben konnte, wie ich wollte, stieg ich vom Brett vorerst auf das Mountainbike um. Dafür brauchte ich weder Wind noch Wasser, sondern musste nur vor die Haustür treten. Ich bestritt ein paar regionale Rennen und entdeckte dabei, dass ich ein Wettkampftyp bin. Dann kam die Ausbildung. Zuerst machte ich die Lehre als Zahntechniker. Dann holte ich nach der Rekrutenschule die Matura nach und begann ein Mathematikstudium an der ETH in Zürich. Bis dann eben eines Tages ein Kollege anklopfte … (denkt nach)
Bitte fahren Sie nur fort.
Das Windsurfen hatte ich nie aufgegeben, vor allem während der Studienzeit ging ich immer öfter aufs Wasser. Ich hatte inzwischen die Freestyle-Technik für mich entdeckt (siehe Kasten unten links). Der nämliche Kollege lud mich ein, mit ihm auf die griechische Insel Rhodos zu fahren und an einem Trainingslager teilzunehmen. Vor Ort herrschte dann ein ziemliches Chaos. Statt Training war Arbeit angesagt. Ich verdingte mich als Surflehrer und Mädchen für alles. So verdiente ich mir ein wenig Geld und konnte gratis in einem Zimmer auf dem Boden schlafen. Aber das war mir egal. Viel wichtiger: Ich spürte, dass ich das gefunden hatte, wovon ich immer geträumt hatte. Jetzt war für mich klar. dass Windsurfen mein zukünftiges Leben bestimmen würde.
Also lieber den Wind in den Haaren als die mathematischen Zahlen im Kopf?
Nein, nein. Mein ETH-Studium habe ich sehr ernst genommen. Ich musste mich zu diesem Zeitpunkt entscheiden: entweder zu hundert Prozent Hörsaal oder Windsurfen. Beides miteinander ging nicht.
Sie haben sich für den Sport entschieden. Windsurfen ist nicht eben billig. Wie haben Sie den Karrierestart finanziert?
Mit Gelegenheitsarbeiten. Das habe ich früher auch schon so gemacht, um mir das Mountainbiken zu finanzieren. Damals putzte ich im Klotener Schluefweg und war auch Eishockeyschiedsrichter. Beim Profistart erledigte ich bei «Weltklasse Zürich» zum Beispiel Arbeiten im VIP-Bereich. Zusammen mit einem Cousin versuchte ich, einen Onlineshop auf die Beine zu stellen, das funktionierte aber nicht nach meinen Vorstellungen. Wir wollten Sofas aus China verkaufen.
Wie bitte? Sofas aus China?
Genau. Aber nicht etwa Billigprodukte, sondern edle, teure Sofas. Dafür haben wir China bereist, Manufakturen besucht und uns dann für zwei hochwertige Verkaufsmodelle entschieden. Zurück in der Schweiz, kam das Ganze aber trotz aufgestelltem Marketingplan nicht so recht ins Rollen. Auch wenn ich heute noch überzeugt bin, dass es eine gute Geschäftsidee war. Jetzt arbeite ich jeweils im Herbst in einer Firma, die Weihnachtsbeleuchtung herstellt und anbringt. Ich kann meine Arbeitszeit selber einteilen, sodass ich auch trainieren kann. Und ich verdiene genug, um professionell Sport betreiben zu können.
Machen Sie unsere Leserinnen und Leser doch mal ein wenig «gluschtig» und erzählen Sie, wo Sie schon überall aufs Brett gestanden sind.
Ich hatte Wettkämpfe oder Trainings auf den Schweizer Seen, auf den Meeren in Griechenland, Südfrankreich, Spanien, Portugal, Italien, Ägypten, der Karibik und Südafrika. Zuletzt surfte ich vor der Kanareninsel Fuerteventura.
Und wo hat es den besten Wind und die schönsten Wellen?
Das kann man so nicht sagen, denn es kommt auf die Jahreszeit an. Ich habe aber mein Glück auf der Antilleninsel Bonaire in der Karibik gefunden, dem Paradies für Freestyle-Windsurfer. Dort sind nicht nur die Wasser- und Windbedingungen hervorragend, auf Bonaire ist man als Windsurfer automatisch Teil einer grossen Familie. Schlafplatz und Verpflegung sind garantiert, die Bevölkerung ist sehr herzlich und zuvorkommend.
Als Globetrotter müssen Sie ja auch auf dieses oder jenes verzichten. Als Sie Ihren Sport wählten, was fiel Ihnen leicht, aufzugeben, was vermissen Sie?
Ich lebe meinen Traum und das sagt eigentlich schon alles. Gut, je nachdem, wo ich gerade bin, muss ich mich manchmal auf die Suche nach geeigneter Sportlernahrung machen. Aber wenn Sie mich so fragen: Im Ausland vermisse ich ein echtes Schweizer Frühstück mit frischer Butter, Konfitüre und feinem Brot. Aber ich passe mich jeweils an.
Hat es in Ihrem rastlosen Leben Platz für eine Beziehung?/
Ich hatte letztes Jahr eine Freundin. Das ging lange gut. Sie hat mich auch öfter bei Wettkämpfen oder Trainings besucht. Aber für jemanden, der sonst mit diesem Sport nichts zu tun hat, wird es auf die Dauer schwer. Ich treffe auf der ganzen Welt viele Menschen, da ist Vertrauen wichtig.
Surfen und Windsurfen sind ja auch mit Klischees verbunden. Sommer, Sonne, Strand, schöne Frauen. Viele glauben sicher, der Stauffacher führt ein göttliches Leben.
Tut er auch – aber er macht auch etwas dafür. Bei solchen Bemerkungen sage ich immer: Ich arbeite da, wo andere Ferien machen. Man darf nicht vergessen, als Schweizer kann man in diesem Sport nur mit viel Fleiss auf Weltcup-Niveau mithalten.
Wie sieht bei Ihnen ein normaler Arbeitstag denn aus?
Frühmorgens aufstehen und frühstücken. Dann Videostudium, um zu sehen, welche Sachen ich am Vortag nicht gut gemacht habe. Anschliessend ein dreistündiges Training auf dem Wasser. Nach dem Mittagessen eine kurze Ruhepause. Völliges Abschalten, neu konzentrieren. Darauf folgt das zweite Wassertraining bis am Abend. Danach wieder etwas essen, noch Mails beantworten oder lesen und dann gehts wieder ins Bett. Alternierend kommt noch Fitnesstraining dazu.
Wie reisen Sie eigentlich? Ein kleines Köfferchen wird da kaum reichen.
Definitiv nicht. Ich habe immer zu viel Gepäck bei mir. Mit der Zeit entwickelt man im Flughafen einen Blick dafür, an welchem Schalter man sich am besten anstellt, damit es beim Einchecken so wenig Probleme wie möglich gibt. In Amsterdam hielten sie einmal mein Gepäck zurück, da half keine Diskussion. Auf Facebook habe ich dann jemanden gesucht, der mir mein Hab und Gut in die Schweiz bringen könnte. Ein holländischer Freund hat sich gemeldet und alles in sein Auto geladen. Das war ein tolles Erlebnis.
Sie sind immer unterwegs. Wo fühlen Sie sich eigentlich daheim?
Überall, wo meine Freunde sind. Ich bin aber Schweizer und komme immer wieder gerne nach Hause zurück. Ich finde, die Schweiz riecht gut, sie hat wunderbare Farben. Die Wiesen, die Wälder. Hier ist meine Heimat. Aber es ist auch gut möglich, dass später vor meinem Wohnhaus eine Palme steht …
video.mpora.de/windsurfing/tag/oliver-stauffacher; oliverstauffacher.blogspot.com (ab 2012) Wohnort: Oberhasli Geburtsdatum: 24. September 1982 Zivilstand: ledig Beruf: Zahntechniker, Windsurfer Sportlicher Werdegang: Profi seit 2010 Grösste Erfolge: Europacup, seit 2011 Weltcup (26. im Schlussklassement)Windsurfen

Der Windsurf-Sport kennt verschiedene Varianten. Beim Racing, der einzig olympischen Disziplin, muss ein Parcours umrundet werden, der durch Bojen gekennzeichnet ist. Beim Speedsurfen gewinnt der Teilnehmer, der auf einem 100, 250 oder 500 Meter langen Abschnitt die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit erreicht. Freestyle und Waveriding vereinen Fahrkunst, spektakuläre Sprünge und Tricks auf Wellen (Meer) oder flachen Gewässern (See). (rce)